Geschichte der Festung Torgau

Torgau besaß zu der Zeit des Kurfürsten Friedrich der Weise, um 1500, einen Stadtumzug. Reste der Zwingermauern aus Naturbruchsteinen (vor allem Porphyr) mit Scharten, Rondellen, auch rechtwinkligen Mauervorsprüngen und (nassen) Gräben sind noch heute im Bereich Schloss, Alte Kanzlei, Stadtkirche sichtbar.
Aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung sowie der geostrategischen Lage der Stadt Torgau an der Mittleren Elbe war eine Stadtbefestigung, unterstützt durch eine Brückenschanze notwendig geworden. Als Brückenschanze oder Brückenkopf wird eine Befestigung auf dem feindwärtigen Ufer vor einem zu verteidigenden Flussübergang bezeichnet.
Ein Edikt des Kurfürsten Johann (der Beständige) von 1531 sah vor, Torgau eine Befestigung zu geben, „wie sie im ganzen Land nicht nochmals zu finden sei“. Vorgesehen waren eine zur damaligen Zeit moderne Bastionärbefestigung sowie überwölbte Schutzräume für die Soldaten.
Durch das plötzliche Ableben Kurfürst Johanns nach einem Jagdunfall, 1532, kam dieses Vorhaben aber nicht zur Ausführung. Erst mit dem 1546 beginnenden Schmalkaldischen Krieg gab es durch seinen Sohn und Nachfolger Johann Friedrich eine weitere Verordnung zur Befestigung Torgaus. Nun freilich fehlte es am finanziellen Spielraum.
Man orientierte sich deshalb auf Wittenberg, damals bereits eine ausgebaute kursächsische Festung. Und so versuchte Johann Friedrich am 24. April 1547, als sich die Schlacht gegen die Kaiserlichen bei Mühlberg zu seinem Nachteil neigte, folgerichtig die Festung Wittenberg erreichen, denn Torgau, obwohl in unmittelbarer Nähe des Schlachtfelds gelegen, war als Zufluchtsort viel zu schwach ausgebaut.
Der (albertinische) Herzog Moritz, der auf der Seite des Kaisers Karl V. stand, schonte die Stadt. Natürlich hatte er nach der Gefangennahme und dem Machtverlust des Ernestiners Johann Friedrich kein Interesse, Torgau, das auch er als kurfürstliche Residenz nutzen wollte, von den kaiserlichen Truppen plündern zu lassen.
Während des Dreißigjährigen Krieges errichtete der sächsische Baumeister Johann Wilhelm Dilich die Festung Torgau. Seine Schanzenlinien zeigten in ihrer Bauweise die niederländische Manier an: flach gehaltene, erdgeschüttete Wälle; breite und zugleich tiefe Gräben.
Rund 100 Jahre später wurden die Festungsstrukturen um und in Torgau erneut grundsätzlich in Bearbeitung genommen. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) waren ein beständiger
Elbübergang, überhaupt Transportwege zu Wasser und auf dem Land sowie Magazine und Lazarette für die preußischen Armeen unentbehrlich.
Eine solche militär-strategische Situation benötigte einen modernen Festungsbau in Torgau, für den der Preußenkönig Friedrich II. selbst sowie sein Festungsbaumeister Simon L. Lefèbvre verantwortlich zeichneten.
Blicken wir auf den Beginn des folgenden Jahrhunderts.
Nach der zusammen mit Preußen verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt, 1806, verbündete sich Sachsen mit Napoleon. Der sächsische Kurfürst Friedrich August wurde König, aber Sachsen fehlte prinzipiell ein zentral gelegener Waffenplatz. So wurde Torgau Sächsische Elb- und Landesfestung.
Die sächsischen Ingenieur-Offiziere planten um 1810, einen Gürtel von Schanzen und Außenwerken vor die eigentliche Hauptfestung zu legen.

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Das Ingenieur-Korps trug dunkelgrüne Röcke mit roten Kragen und Aufschlägen; rote Hosen sowie schwarze Hüte mit silbernen Agraffen. Die Galauniform (2) trug man zu festlichen Anlässen; die Dienstuniform (3) war das Alltagskleid des Offiziers; der Interimsrock (1), eine Uniform, welche außer Dienst getragen wurde. Fourierschützen (4) »organisierten« (etwa) das Pferdefutter und sicherten es gegen den Feind.

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Plan der Sächsischen Elb- und Landesfestung Torgau nach Napoleon mit Hauptwerk und Außenwerken (Brückenkopf, Fort Zinna, Fort Mahla, vier Elbe-Lünetten). Der Plan zeichnet die Situation vom März 1813. Das ist daran erkennbar, weil durch das noch bestehende Waisenhaus die Spitze des Ravelins vor dem Leipziger Tor baulich noch nicht vollendet werden konnte.

Zwischen diesem Außenring und der Umwallung der Hauptfestung eröffnete sich dann ein „verschanztes Lager“, in welchem Tausende sächsische Soldaten im Verbund mit der Kernfestung einen Versammlungs- und Zufluchtsort vorfinden würden, um offensiv oder defensiv handeln zu können.
Napoleon I. gab dem Bau der Sächsischen Elb- und Landesfestung Torgau freilich eine andere Funktion. Er benötigte für seinen Aufmarsch nach Russland an der Mittleren Elbe, 1812, eine Kampagne-Festung.

Die neue Aufgabe der Festung Torgau bestand darin, die Mobilität der napoleonischen Truppen zu gewährleisten. Mit dem Bau der Kampagne-Festung ging eine Verkürzung des Wallumlaufs einher. Die Folge war die Evakuierung der Bewohner der westlichen Vorstadt, der Abriss ihrer Wohnhäuser und zugleich der dortigen Kirchen, Spitäler und des Waisenhauses sowie die Schließung des Gottesackers.

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Riss „Festung Torgau“ von 1888.
Auf der ostelbischen Seite, vor dem Brückenkopf-Hauptwall, elbaufwärts, ist ein Pionier-Übungsgelände vermerkt, das als Fläche beinahe den gesamten Brückenkopf-Umlauf umgab.

Im Februar 1813, nach dem verlorenen Russlandfeldzug, wurde der sächsische General Freiherr August von Thielmann Kommandant der Festung Torgau. Er war ein den Befreiungskriegen und der „deutschen Sache“ zugeneigter Mann. Aus dem französisch besetzten Wittenberg sandte die dortige Bürgerschaft einen Hilferuf. Dies geschah als „Offener Sendbrief der Stadt, Veste und Universität Wittenberg an den Königl.-Sächs. General Lieutenant von Thielmann zu Torgau“ (Auszug):


„Herr Nachbar da droben.
Wir wollen ihn loben;
ach eil er zur Hilfe der sächsischen Stadt!
Brech’ Er die Ketten,
und eil’ Er zu retten;
Gedenk’ Er an den seligen Luther und an Mich!“


Der Stadt Martin Luthers konnte freilich nicht unmittelbar geholfen werden. Erst Anfang 1814 wurde Wittenberg von der französischen Besatzung befreit.

In Torgau breitete sich 1813 unterdessen eine Typhus-Epidemie aus. Die eher kleine Festung war mit der Verlegung der französischen Lazarette hierher völlig überfordert. „Wie viele trauernde Witwen und hülflose Waisen mag Torgau wohl zählen?“ fragte Friedrich Joseph Grulich 1814. Heute weiß man die Antwort: Es starben in Torgau annähernd 30.000 Menschen, unter ihnen weit mehr als 1.000 Bürger der Stadt.
Nach dem Wiener Kongress, 1815, gingen schließlich zwei Drittel des kursächsischen Territoriums an Preußen über. Torgau wurde plötzlich Grenzfestung gegenüber Sachsen und in der weiteren Entwicklung eine preußische Garnison- und Beamtenstadt. Die in anderen Städten fortschreitende industrielle Entwicklung war in Torgau aufgrund der festungsbaulichen Einengung gar nicht möglich. Deshalb ist die historische Altstadt heute noch in beeindruckender Weise erlebbar.
Während der gesamten preußischen Festungszeit, 1815–1889, wurde von Torgau aus übrigens kein einziger Kanonenschuss abgefeuert. Doch gab es auch damals schon Bedenkenträger, die die bloße Existenz der Festung kritisch sahen. Der Archidiakon der evangelischen Stadtgemeinde, Johann Christian August Bürger, redete den Torgauern ins (christliche) Gewissen, dass nicht in dem Koloss "Festung" (Veste) das Beständige und Ewigliche zu sehen sei. Der Geistliche zitierte Luther, indem er ausrief: "Ein (wirklich) veste Burg ist unser Gott!".
Die Festung Torgau wurde 1889 geschleift und damit das Kapitel "Festung" in unserer Stadt beendet.
 

Geblieben ist Torgaus Festungsgeschichte und die heute noch zu besichtigenden Denkmale der Befestigung aus jener Zeit. Alle noch erhaltenen Festungselemente wie der Brückenkopf, die Elbe-Lünetten, Fort Zinna, Kriegspulvermagazine, Poternen, Hohltraversen, Flankenkasematten und vieles andere mehr sind in den Veröffentlichungen des Förderverein Europa Begegnungen e.V. „Führungen durch die Festung Torgau“ sowie in den 4 Bänden zur Festung Torgau „1. Der Brückenkopf“; „2. Das Fort Zinna“, „3. Das Hauptwerk“, „4. Wasserbautechnik und Wassermanöver“) vorgestellt.

Quelle: Dr. Uwe Niedersen, Förderverein Europa Begegnungen e.V.

Thematische Führung über das Gartenschaugelände 

Sie wollen mehr über die Festungsgeschichte Torgaus und die Verbindung zum Gartenschaugelände erfahren?

Der Verein "Europa Begegnungen e.V." bietet Fachführungen zum Thema "Festung & Garten" an.

 

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